Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland

Alles hat seine Stunde.
Für jedes Geschehen
unter dem Himmel
gibt es eine bestimmte Zeit.

Kohelet 3,1

Termine & Aktuelles

Standpunkte

Liebe Männer und Frauen!

Liebe ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Das bedeutet nicht, dass der Nehmende auch im gleichen Augenblick ein Gebender ist. Der barmherzige Samariter gibt, was er hat, ohne etwas Entsprechendes zu bekommen. Aber indem er gibt, ohne nach einer Rückzahlung zu fragen, stellt er etwas her, das Dorothee Sölle „das Netz der Nächstenliebe“ genannt hat. Das Bild vom Netz macht deutlich, dass das Geben und das Nehmen eine gewisse Sicherheit bietet, aufgefangen zu werden. Dieses Netz hat natürlich Löcher, und Menschen fallen hindurch, weil nicht alle die Chance haben, Geben und Nehmen zu lernen. Aber immer wenn wir das Geben lernen oder auch das Nehmen, und zwar ohne Scham, immer dann knüpfen wir mit an diesem wirklichen sozialen Netzwerk.

Die Evangelien sind eigentlich ein Versuch, die Präsenz Jesu zu beschreiben, mit der er gibt und nimmt, egal wo er ist und mit wem er es zu tun hat. Es ist eine Aufmerksamkeit für die Realität des Anderen, die Wunder wirkt. In jeder guten (Männer)Gruppe wirkt diese Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Wir geben und nehmen uns gegenseitig diese Aufmerksamkeit. Und dabei werden immer zwei Dinge bewusst: ich bin hinter meinem Anspruch zu geben, zurückgeblieben, und ich habe oft nicht bekommen, was ich gebraucht hätte. Und so wird in jeder Gruppe auch Schmerz und Trauer bewusst. Aber genau das ist in vielen männerdominierten Bewegungen in unserer Gesellschaft ausgeklammert. Und wir erleben Hass. Hass, der wie eine Wand davor schützt, sich solchen unangenehmen Gefühlen auszusetzen.

„Wenn du lange in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, erinnert Nietzsche. In diesem Abgrund finden sich viele Männer, die durch das löchrig gewordene Netzwerk des Gebens und Nehmens gefallen sind. Es war niemand da, der hätte geben können. Unfähig zu diesem Schmerz zu stehen, verwechseln sie soziale Netzwerke mit tragenden Beziehungen. Und wir bekommen ihren Hass zu spüren, der sie vor dem Fühlen abschirmt. Wir als Kirche müssen wirkliche soziale Netzwerke anbieten, Weggemeinschaften etc., damit die Maschen des alten Netzes wieder tragen. „Du bist Sand im Weltgetriebe, du mit deiner Liebe“, so dichtete der Liedermacher Gerhard Schöne auf den alten Choral „Jesu, meine Freude“. Versuchen sollten wir es, Sand im Weltgetriebe zu sein, wie der alte Samariter.

Henning Ernst, Ralf Schlenker, Joerg Urbschat; Das Männerforum